#LoveWritingChallenge: Über POVs

(das ist das gestrige Thema, mit dem ich lässig verberge, dass ich zum heutigen nichts zu sagen habe)

5. POVs aka Points of View

Was die Sichtweisen, aus denen ich schreibe, betrifft, habe ich vor dem Schreiben meist noch keinen Plan – ich schaue spontan, was aus mir herauskommt, und wenn es gut klappt, bleibe ich dabei. Ab und an überlege ich auch vorher, mit welchem POV ich eine bestimmte Wirkung erziehen könnte, aber im Großen und Ganzen schreibe ich in der Regel sehr unüberlegt drauflos.

Die Sichtweisen, die ich am häufigsten verwende, sind die eines personalen oder auktorialen Erzählers. Oftmals wechsle ich auch innerhalb eines Textes hin und her, und zwar nicht pro Kapitel, sondern innerhalb weniger Absätze. Ich mag so etwas ganz gerne – lesefreundlich ist das natürlich nicht, und ich wurde dafür auch schon recht häufig kritisiert, aber dazu muss ich dann sagen, dass ich, auch wenn ich fast alle meine Texte online Stelle, dann doch in erster Linie für mein eigenes Vergnügen schreibe und nicht für das Verständnis der Leser*innen.

Seltener schreibe ich in der ersten Person Singular. Ich lese es selbst nicht sonderlich gerne, und mag es auch beim Schreiben nicht wirklich, an das Wissen und Vokabular nur einer einzigen Person gefesselt zu sein.

Ich sage zwar immer von mir, dass ich schreibtechnisch alles mal ausprobieren möchte, aber eine Grenze gibt es dann doch: die Du-Perspektive. (Das sage ich jetzt noch, wer weiß, zu was ich noch inspiriert werde.)

 

 

 

 

 

 

#LoveWritingChallenge: Ein männlicher Charakter

Hier entscheide ich mich für Jonathan. Ich mache selten sehr ausführliche Charakterkonzepte bevor ich zu Schreiben beginne, doch hier hatte ich ausnahmsweise mal einen Charakter, bevor ich eine Geschichte zu ihm hatte. Jonathan habe ich nämlich für ein RPG entwickelt, an dem ich dann doch nicht mehr teilnahm, da mir rechtzeitig bewusst wurde, dass ich schon zu viele RPGs begonnen und nie weitergemacht habe, da mich nach spätestens zwei Wochen immer die Lust verlässt, und ich meine Mitspieler*innen enttäuschen muss.

Auch ansonsten unterscheidet sich Jonathan von einem Großteil meiner anderen Charaktere – er ist nämlich ein Kind/Jugendlicher (13 Jahre alt), und im Gegensatz zu der gestern vorgestellten Freddie, begleite ich ihn auch nicht bis ins Erwachsenenleben. Er gehört zu einer Geschichte, die den Arbeitstitel Der Schrei der Vögel lang schon tot trägt, eine leicht abgewandelte Zeile aus ASPs Die Ruhe vor dem Sturm [Youtube-Link zum Lied]. Es ist eine Jugend-Dystopie, da weder Jugendbücher noch Dystopien zu meinem favorisierten Genre zählen wollte ich hier mal wieder etwas gänzlich neues ausprobieren.

Jonathan ist sehr klein und dürr und sieht jung aus für sein Alter. Er ist eines dieser übertrieben intelligenten Kinder, die manchmal in Büchern/Filmen vorkommen, und mir ob der Klischeehaftigkeit schon öfters mal ein Augenrollen entlockten – außer natürlich, ich schreibe sie selber. 😉
Er interessiert sich hauptsächlich für Naturwissenschaften und hier hauptsächlich für Meeresbiologie. Zum Glück wohnt er nahe am Meer, dort, und im örtlichen Naturkundemuseum verbringt er auch den Großteil seiner Freizeit.

Er hat nicht viele Freunde. Unter Mitschüler*innen ist er als Streber verschrien und auch die meisten Erwachsenen mögen ihn nicht, da er kein Blatt vor den Mund nimmt und auch sonst viel zu viel redet. Auch wenn er gerne so tut, als würde er über all dem drüber stehen, macht es ihn durchaus traurig. Er mag Menschen an sich, sieht aber nicht ein, sich zu verstellen, um anerkannt zu werden, ganz abgesehen davon, dass er sich auch nicht ganz sicher ist, wie er es den anstellen sollte, weniger nervig zu sein. Er hat aber eine beste Freundin und einen besten (Brief-)Freund, der schon vor Beginn der Geschichte weggezogen ist. Sein Außenseiterstatus ist eigentlich ein größeres Problem für seine Eltern, die sich oft wünschen, er wäre „normaler“ und sozialer, vor allem seine Mutter hat diesbezüglich schon unangenehme Gespräche mit ihm geführt.

Doch ansonsten ist er ganz glücklich mit seinem Leben. Sein einziger brennender Wunsch ist, dass ihm seine Eltern endlich ein Haustier erlauben. Bis dann der dystopische Aspekt beginnt, natürlich … 😀

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Dieses Bild passt zu der Stimmung der Geschichte. Wenn man sich die Lippenstiftspuren wegdenkt und so tut, als wäre das im Becher eine heiße Schokolade, könnte das auch Jonathans Becher sein.

#LoveWritingChallenge Tag 1-3

Über Irinas Blog bin ich auf die #LoveWritingChallenge, die von Katie Kling und Kristina ausgerichtet wird, gestoßen. Ursprünglich hatte ich ja vor, diesen Blog nur für meine fiktionalen Texte zu nutzen, aber da ich hier ja schon seit Ewigkeiten nichts mehr hochgeladen habe, wirkt so ein wenig Schreiben übers Schreiben der Blogflaute vielleicht etwas entgegen.

In dieser Challenge geht es darum, den Mai hindurch jeden Tag zu vorgegebenen Themen etwas über das eigene Schreiben zu erzählen. Die erste Woche der Challenge dreht sich voll und ganz um die Charaktere. Da ich erst am dritten Tag einsteige, beantworte ich auch gleich drei Vorgaben auf ein Mal:

  1. Ein weiblicher Charakter

Hier entscheide ich mich für Freddie. Wie lautet ihr voller Name? Ich weiß es noch nicht! Werde ich mich vielleicht für einen anderen Namen entscheiden? Es steht zu vermuten. Aber jetzt heißt sie Freddie und das ist in Ordnung so.

Auf meinem Inspirations-Tumblr (den ich durchaus öfter updaten könnte) habe ich ein paar Bilder mit ihrem Namen getagged. Bisher verraten die nicht viel – dass ich Gänseblümchen mit ihr assoziiere und dass sie Tiere mag. Sie liebt die Natur und kann sich stundenlang damit beschäftigen, im Garten nach interessanten Pflanzen und Insekten zu suchen. Zumindest, als sie noch ein Kind ist, später bleibt dann leider weniger Zeit, sich mit solchen Dingen zu befassen. Sie gehört zu einem langen Roman, der noch hauptsächlich in der Planungsphase ist. Auf Tumblr tagge ich ihn noch mit WWWW, was keine Extrem-Version des World-Wide Web ist, sondern für Wir waren wie Wölfe steht, doch je mehr ich die Schwerpunkte des Inhalts hin- und herwälze, desto weniger passt der Titel. Fest steht, dass der Text die Geschichte einer Großfamilie über mehrere Generationen hinweg beleuchten soll. Freddie ist Ende der Neunziger geboren, und während sie aufwächst ist die Familie schon sehr im Zerbrechen begriffen. Trotz dieser unterschwellig aggressiven, teils sogar gewalttätigen Stimmung die herrscht, steht Freddie treu, wahrscheinlich sogar zu treu zu ihrer Kernfamilie. Sie ist ein gutherziger Mensch, der langsam lernen muss, sich von den Menschen, mit denen sie aufgewachsen ist, abzugrenzen.

  1. Namensfindung

Über dieses Thema zu schreiben fällt mir schwer, paradoxerweise, da Namensfindung bei mir eigentlich kein großes Thema ist. Mir ist schon häufiger aufgefallen, wenn ich Texte über das Schreiben laß, oder mich mit Freund*innen darüber unterhielt, dass ich weniger emotional zu meinen Charakteren stehe und mit größerem Pragmatismus an diese herangehe, was sich vor allem in der Namenswahl wiederspiegelt. Ich habe nur selten starke emotionale Reaktionen Namen gegenüber, sie bedeuten mir so wenig, dass ich oftmals Texte schreibe, in denen ich quasi „Wegwerfnamen“ einsetze. Eine Zeit lang habe ich zum Beispiel alle männlichen Charaktere im ersten Durchgang „Kurt“ genannt, entsprechend dann „Kurt II“, „Kurt III“, je nachdem, wie viele Männer eben vorkamen. Beim Editieren habe ich dann jedem einen richtigen Namen verpasst, aber ich wollte mich beim ersten Durchgang nicht von so etwas (für mich) Nebensächlichem wie Namen aufhalten lassen.

Diese ziemlich lockere Einstellung Namen gegenüber hat natürlich auch negative Seiten, so wurde ich schon ein paar Mal darauf aufmerksam gemacht, mitten im Text Namen geändert zu haben. Das kann passieren, wenn Namen keinerlei starke Assoziationen hervorrufen …

Sehr selten passiert es doch, dass mir ein Name zugeflogen kommt, der für mich dann intensiv mit einer Figur verknüpft ist, aber wie gesagt, das ist selten. Dies soll aber wohlgemerkt keine mangelnde Wertschätzung meiner Figuren darstellen, es geht mir im echten Leben ganz genauso – ich kann jahrelang eng mit jemandem befreundet sein und mir rutschen dennoch immer wieder zufällige falsche Namen heraus! 😀

Kreativ werde ich also bei den Namen eher selten – da ich aber in der Regel Texte schreibe, die in der realen Welt spielen, wäre das zumeist auch nicht sonderlich angemessen. Ich achte darauf, ob die Namen der jeweiligen Epoche und dem Kulturraum angemessen sind, aber ansonsten habe ich da keine ausgeklügelten Wege zur Namensfindung. Ich browse vielleicht gedanklich kurz durch eine Liste von Bekannten oder Bekannten von Bekannten oder Zweitnamen von Bekannten oder Namen, die mir von Briefumschlägen, Anwesenheitslisten in der Uni, oder Fernsehserien im Kopf hängen geblieben sind.

  1. Zitat eines Charakters

„Masturbation! Es ist eine Metapher für Masturbation!“

Das war Steven. Er ist unerträglich und nervig und ein unglaubliches Vergnügen, zu schreiben. (Und er heißt so, weil ich mich darüber amüsierte, dass ungefähr 90% meines männlichen Bekanntenkreises Stephan oder Stefan heißt. Die sind aber alle netter und brüllen nichts von Selbstbefriedigung durch öffentliche Räume.)

Aus meinem ersten Versuch eines Krimis – ziemlich gemütlich und herbstlich (vom Mord natürlich abgesehen) und wird vielleiiicht sogar im Oktober diesen Jahres fertig.

Insekten

Ich hatte nie Stimmen in meinem Kopf, bekräftige ich noch ein mal für mich selbst, doch merke, dass meine Gedanken und Schritte immer schleppender werden. Nie Stimmen. Immer nur…Insekten.
Für Trigger-/Inhaltswarnungen hier markieren: Suizid, ekliges Insektenzeug
Wortanzahl: 404

Ich kann es spüren.
Sie sind in mir und ich kann es spüren.

Ich liege in meinem Bett und noch bin ich – im biologischen Sinne, wohlgemerkt – so lebendig, wie man nur eben sein kann; so lebendig, wie ich immer war. Schon seit meiner Geburt hat der Verfall begonnen, was das betrifft, bin ich mir sicher. Von Anfang an haben sie mich ausgehöhlt, Löcher und Gänge in diesen abstoßenden Körper gegraben, mich innerlich zernagt und jeden Ansatz der Gesundheit im Keim erstickt. Ich habe zu sterben begonnen, seitdem ich meinen ersten Atemzug tat. Das meine ich nicht in dieser logisch-faktischen “Mit jeder Sekunde des Lebens ist man eine näher am Tod”-Haltung, sondern in dem Sinne, dass ich nie dazu bestimmt war, am Leben zu sein.
So flüstert er mir jedenfalls das Kribbeln ein, das in meinen Gliedmaßen vorherrscht, als würden sich klebrig-ertrunkene Insekten durch verstopfte Blutbahnen kämpfen. Dabei ist mein Körper doch noch gar nicht bereit für den Leichenschmaus, die Vielfüßler sind unecht. Bevor ich mich verfüttere, und damit wenigstens nach meinem Tod zu etwas nütze bin, müssen die Pillen wirken. Lange kann es nicht mehr dauern. Mühsam kämpfe ich mich aus dem Bett, der weiche Stoff der Decke ist plötzlich eine für meine Hände unerträgliche Berührung. Auf bloßen Füßen, die im Dämmerlicht so fremd wirken (sind das meine Füße? ist das mein Körper?) taste ich mich nach draußen. Es war immer schön gewesen, einen Wald direkt hinter dem Haus zu haben, das Ungeziefer in mir scheint zu jubeln. Endlich bringe ich es für immer nach Hause.
Ich hatte nie Stimmen in meinem Kopf, bekräftige ich noch ein mal für mich selbst, doch merke, dass meine Gedanken und Schritte immer schleppender werden. Nie Stimmen. Immer nur … Insekten. Krabbelnde Mistviecher, die mit ihren dünnen Beinchen Worte in die Innenseite meiner Haut gestampft haben und mich oft wünschen ließen, es würde schneller zu Ende gehen. Mittlerweile bin ich so schwach, dass ich mich mit meinen Händen an den Bäumen abstützen muss, an denen ich vorüberwanke. Es ist mir unerträglich, etwas Reales, etwas aus der Außenwelt, anzufassen, fasst mich von innen doch schon genug an.
Als ich mich schließlich fallen lassen muss, bin ich deshalb auch zunächst angewidert von der unabstreitbaren Realität des Waldbodens unter mir. Ein Krabbeln von allen Seiten und ich Echt und Unecht nicht mehr auseinanderhalten.
Doch das macht nichts. Bald wird mich von Außen auffressen, was sich schon jahrelang innerlich an mir labte.

Ans Meer

„Ich möchte ans Meer, im Idealfall jetzt sofort.“
Wortanzahl:
ca. 1.173

Es ist mitten in der Nacht doch sie liegt noch wach, rastlos wälzt sie sich von einer Seite auf die andere. Keine Position scheint auch nur einigermaßen bequem und – das noch viel weniger – zum Schlafen anregend. Ob mit oder ohne Bettdecke, ob platt gedrücktes oder aufgeflauschtes Kopfkissen, irgendwie verspürt sie nur ein Kribbeln in sämtlichen Körperteilen und rasende Gedanken, die es ihr unmöglich machen, zur Ruhe zu kommen. Schließlich beschließt sie, dass jetzt endgültig genug ist. Mit einem entschlossenen Ruck schleudert sie ihre Decke auf den Boden und schwingt sich, von plötzlicher Motivation erfasst, mit beiden Beinen zugleich aus dem Bett.

Da der Vollmond durch das Fenster hinein scheint, muss sie kein Licht anmachen, sondern kann sich an dem klar umrissenen Kleinkram, der auf ihrem Boden liegt, orientieren, und tapst zur Tür, ohne auf etwas zu treten. Im Flur ist es zwar etwas düsterer, dafür besteht auch keine Stolpergefahr mehr, da der Rest des Hauses ordentlicher zu sein pflegt, als ihr Zimmer. Vor seiner Zimmertür zögert sie kurz, obwohl sie eigentlich weiß, dass er nur schwerlich ärgerlich auf sie sein wird. Er war es noch nie und manchmal explodiert sie fast vor ungläubiger Dankbarkeit, dass da tatsächlich ein Mensch ist, der sie so angenommen hat, wie sie ist. Inklusive solch seltsamer Dinge wie dem Wunsch nach getrennten Zimmern. Das Schlaf-Atmen anderer Menschen erträgt sie nur in den seltensten Fällen, ganz im Gegenteil zu dem Geräusch, nach dem sie sich gerade mit geradezu körperlich spürbarer Sehnsucht verzehrt: Wellenrauschen.

Vorsichtig drückt sie die Klinke herunter und schleicht hinein – überflüssigerweise, eigentlich, schließlich hat sie sowieso vor, ihn zu wecken. Er schläft auf der Seite, den Rücken ihr zugewandt und kurz überlegt sie, sich einfach dazu zu legen. Vielleicht würden ihr sein Geruch und das gleichmäßige Atmen in dieser Nacht etwas Ruhe geben. Diesen Gedanken verwirft sie jedoch gleich wieder – ein ganz anderes Verlangen hat sich angestaut und dazu muss diese friedlich schlafende Person eben wachgerüttelt werden. Sie greift ihn an der Schulter und schüttelt ihn sanft. „Hallo, du? Aufwachen!“ Für eine Sekunde reagiert er nicht, doch dann spürt sie wie er sich sein Körper versteift und er fährt herum. „Oh Gott! Was ist denn los?“, fragt er erschrocken und kneift die Augen zusammen um sie besser sehen zu können, die Sinne noch nicht auf die Welt des Wach-Seins eingestellt. Sie grinst ein wenig. Manchmal hat sie ihn am liebsten, wenn er verwirrt ist.

„Ich möchte ans Meer, im Idealfall jetzt sofort.“

Das ist natürlich eine außergewöhnliche Anfrage an einen eben erst Geweckten und mit nervös wackelnden Zehen wartet sie auf eine Reaktion. Er starrt zunächst ungläubig, fragt sich wahrscheinlich, ob er noch träumt, doch endlich schleicht sich ein Lächeln auf sein Gesicht. „Ich ziehe mich an und hole den Autoschlüssel, dann können wir los!“

Sie flitzt in ihr Zimmer, um sich anzukleiden, hellwach und zutiefst überzeugt, die einzige perfekte Person auf dieser Welt gefunden zu haben. Natürlich gab es kaum einen, der so sehr an ‘nobody’s perfect’ festhielt, wie sie, doch in Nächten wie dieser war die Vernunft etwas, das man lieber bis zum Morgen durchschlafen ließ.

Es fühlt sich seltsam an, so spät – oder ist es sogar schon früh? – im Auto unterwegs zu sein. Niemand anders ist auf den Straßen und man hat den Drang zu flüstern, auch die Musik drehen sie so leise, dass es fast nur ein Hintergrundgeräusch ist. Am Anfang hat sie ihm die Müdigkeit noch angemerkt, die er so fleissig wegzublinzeln versuchte, doch auf ihre besorgten Blicke hatte er nur zurückgelächelt und nun merkte man langsam, dass er wacher wurde und sich über das spontane Abenteuer freute. Er kurbelte die Scheibe an seiner Seite herunter und sie die ihre. Manchmal redete er davon, sich ein neues Auto zu kaufen, doch in Wirklichkeit mochte er seines sehr gerne, und wenn man das Fenster eigenhändig herunterdrehen musste, fühlte man sich doch irgendwie tatkräftiger und einflussreicher, als wenn man nur einen Knopf betätigte. Der kühle Wind füllte nun das Auto. „Irgendwie riecht es nachts anders. Nach Weltraum, oder so.“ Das war das Erste, das sie sagte, seit dem sie losgefahren waren und sie hätte die Worte am liebsten wieder verschluckt. Blöde Nachtgedanken, die keinen Sinn ergaben!

Er jedoch nickte. „Ja, oder nach Meer. Ich finde, nachts riecht es überall nach Meer, man erinnert sich plötzlich wieder daran, dass die Welt vorrangig nicht aus Land besteht, sondern aus Salzwasser, Wellen, Freiheit…“ – „…und Riesenkraken, die Piratenschiffe in die Tiefe ziehen. Es gibt bestimmt irgendwo Riesenkraken. Und Piratenschiffe“, ergänzte sie. Er tat so, als gähne er, doch sie sah das Lächeln in seinen Augen.

„Und weißt du was? Du riechst sowieso immer ein bisschen nach Meer“, murmelte sie, bevor sie sich umwandte und der dunklen Landschaft zusah, die sich scheinbar vor ihnen teilte um ihnen den Weg zur See zu ebnen.

Die Fahrt dauerte einige Stunden, die sie schweigend verbrachten und nur ab und zu ein glückliches Lächeln austauschten. Es tat gut, den Alltag so zu unterbrechen, auch wenn sie dafür morgen – na gut, heute – einen Tag des realen Leben schwänzens mussten. Alleine schon das Wissen, dass sie auf dem Weg zu den Wellen waren, machte ihr das Atmen leichter und lies die Verzweiflung in ihrem Kopf leiser werden. Alles war gut.

Nachdem die erste CD durchgelaufen war, legten sie keine neue ein. Das verzauberte Gefühl in der Luft vertrug sich nicht mit menschgemachten Geräuschen, es gab nur das leise Surren der Räder auf dem Asphalt, das Rauschen des Fahrtwindes und nachdem sie irgendwann an einer Tankstelle gehalten hatten, um etwas zu Trinken zu kaufen, hörte man sogar das Prickeln der Kohlensäure in den Dosen.

Als sie dann auf einen unbelebten Parkplatz einbogen hatte der Himmel schon begonnen, einen helleren Ton anzunehmen. „Wenn du jetzt schnell parkst, dann sehen wir den Sonnenaufgang!“, drängte sie, und alle Müdigkeit, die sich inzwischen doch in ihre Glieder geschlichen hatte, war rasch wieder verflogen.

„Den sehen wir sowieso, ob hier im Auto oder am Strand“, gab er mit einem Grinsen zurück, doch natürlich beeilte er sich, wobei er es sich nicht nehmen lies, die Leere auszunutzen, und den Wagen schräg auf eigentlich drei Parklücken zu platzieren. Eile oder nicht, nachdem sie aus dem Auto gestolpert waren, mussten sie erst einmal die von der Fahrt steif gewordenen Glieder strecken. Sie schloss die Augen und spürte mit jeder Faser ihres Körpers, dass sie gerade glücklich war. Das Rauschen der Wellen war so nahe und sie konnte den Salzgeruch gar nicht tief genug einatmen.

Zunächst über knirschenden Kies, der sie schmerzhaft piekste – die Schuhe hatten sie im Auto gelassen – und dann über immer feiner werdenden Sand liefen sie, bis man endlich, endlich das kalte Wasser unter den Füßen spüren konnte. Als sie zum Stillstand kamen und sich dem Gefühl der seichten Wellen hingaben, die ihre Knöchel umspülten, tauchte die Sonne hinter dem Horizont auf und warf einen gleissenden Strahl auf das Wasser.

„Das ist ja fast schon unerträglich kitschig“, flüsterte sie, bevor sie ihn heftig umarmte und, das Gesicht in seinem Pullover vergraben, hinzufügte: „Manchmal ist Kitsch aber schon extrem toll.“

Schatten der Vergangenheit

Zwei Jungen, ein Wald, rätselhafte Schatten.
Wortanzahl: 2.173

Es war der späte Nachmittag des 31. 10. 1824 und James Ridwell und Reed Carrington saßen auf dem Gatter, das die Ländereien der Ridwells vom anliegenden Wald abgrenzte. James starrte mit einem nahezu verbissenen Blick in die Baumreihen, hinter denen langsam die Sonne versank, während Reed seine Augen besorgt auf die Taschenuhr richtete, die er aus seiner Weste gezogen hatte. „Meinst du nicht, wir sollten bald nach Hause gehen? Ich weiß, dass meine Eltern sich sorgen, wenn ich mich im Dunkeln in der Nähe des Waldes aufhalte, deine bestimmt auch.“, schlug er vor. Zunächst sah es aus, als habe James seinen Freund nicht gehört, doch dann verdrehte er die Augen und meinte spöttisch: „Ich bin mir recht sicher, dass es meinen nicht einmal auffallen würde, wäre ich die ganze Nacht verschwunden. Und unsere Haushälterin schweigt bestimmt über mein Fortbleiben, ihr ist alles egal, so lange ich meinen Eltern nur verschweige, dass sie sich heimlich an unserem Weinkeller bedient … Nein, ich habe eine bessere Idee: Wir gehen in den Wald und machen uns auf die Suche nach dem Wesen, welches alle Menschen in der Gegend in Angst und Schrecken versetzt!“

Reed biss sich auf die Unterlippe und zögerte mit seiner Antwort. Dieser Plan behagte ihm so gar nicht. Zwar glaubte er nicht wirklich an ein Monster, dass dort angeblich umherstreifen sollte, aber sicher konnte man ja nie sein. Außerdem hatten seine Eltern sowieso schon einige Male ihr Missfallen gegenüber seiner Freundschaft mit James ausgedrückt, der ihn ja angeblich nur zu Unsinn verleiden würde. Nicht, dass er ihnen in der Hinsicht nicht uneingeschränkt zustimmen könnte, aber da James sonst eigentlich niemand hatte, nicht einmal familiären Rückhalt, ließ Reed sich letzten Endes doch immer dazu überreden, an dessen abenteuerlichen Aktionen Teil zu haben.

„Du fürchtest dich doch nicht etwa?“, spottete James schon auf Grund des langen Schweigens seines Freundes, doch der lenkte schnell ein. „Ein wenig Furcht würde dir auch ab und an recht gut bekommen! Doch sei es drum, ich komme mit – ich gedenke jedoch nicht, die ganze Nacht fortzubleiben, falls dies dein Plan ist, werde ich dich früher oder später alleine lassen und zwar noch vor Mitternacht!“
Schwungvoll sprang James vom Zaun. „Sollten wir das Monster vorher bezwungen haben, wird das doch gar nicht nötig sein, und davon gehe ich aus!“ Er grinste Reed an und sie machten sich auf den Weg in den Wald.

Das ‘Monster’ von dem James so lässig sprach war seit ein paar Jahren eine rätselhafte Begleiterscheinung des Lebens in Kent. Der Wald, der große Teile der Landschaft bedeckte, war anscheinend Heimat etwas Überweltlichen, für das keiner eine Erklärung wusste, doch fast alle spürten, dass es da war. Der Schatten etwas Großen schien durch die Bäume zu ziehen, Geräusche, die nicht menschlich und nicht nach bekannten Tieren, aber ohne Frage lebendig klangen, konnte man vernehmen, wenn man sich auch nur in der Nähe des Waldes aufhielt.

Selbst James’ Fröhlichkeit wirkte etwas gezwungen, als sie zwischen der Stämme der hohen Laubbäume traten, im gleichen Augenblick als die untergehende Sonne endgültig hinter dem Horizont nieder zu fallen schien. Nun war der Vollmond die einzige Lichtquelle – schon den ganzen Tag hatte er am Himmel gehangen, einem blassen, lauernden Ballon gleich, und jetzt war es sein kaltes Licht, das sämtliche Kanten scharf zeichnete und schmale Schatten auf dem Boden erscheinen ließ.

„Na schön. Wie leicht zu sehen ist, gibt es hier nichts zu sehen!“, murmelte Reed trotzig und es war unschwer an seiner Stimme zu erkennen, dass er am liebsten sofort wieder umkehren würde. „Unsinn!“ Obwohl nicht mehr ganz so ungezwungen, wollte James seinen Plan jetzt auch ausführen, wo sie schon einmal hierher gelaufen waren. „Wäre es nicht unglaublich, wenn es wir wären, die ein für alle Mal eine Erklärung für jenes Phänomen finden, das in den letzten Jahren alle Menschen aus den Wäldern ferngehalten hat.“ – „Oder in jenen hat verschwinden lassen!“, ließ Reed nicht unerwähnt. „Doch sofern man nur im Wald in wirklich großer Gefahr ist, vermute ich, dass wir in relativer Sicherheit sind, wenn wir uns immer am Rand aufhalten, und bei Bedarf hinausrennen.“
James lächelte zufrieden. „Siehst du, deshalb wollte ich, dass du mitkommst – ich wäre vielleicht derjenige der das Untier in die Flucht zu schlagen wagt, doch du würdest dafür sorgen, dass wir nicht wie Idioten blindlings in es hineinlaufen.“

Wenig ermutigt zuckte Reed mit den Schultern. „Was auch immer. Eigentlich widerstrebt es mir sowieso zutiefst, an etwas Übernatürliches zu glauben – höchstwahrscheinlich ist es einfach der herbstliche Nebel, das Rascheln der fallenden Blätter, die die Menschen zu Sinnestäuschungen aller Arten hinreißen.“ Mit diesem Gedanken im Hinterkopf schlenderten sie zwischen den Bäumen durch und noch tat sich nichts Bemerkenswertes. Zwar zuckte Reed immer noch jedes Mal zusammen, wenn einer der beiden Jungen auf ein trockenes Blatt trat, doch James wurde wieder lässiger, je mehr Zeit verstrich. „Monster? Wir warten auf dich!“, rief er, nicht wirklich laut, doch so durchdringend, dass Reed ihn warnend in die Seite stieß. „Hör auf damit! Was, wenn uns wirklich etwas hört?“

Doch nun waren sie es, die etwas hörten – der Klang kam von irgendwo hinter ihnen und es war ein Schnauben, und zwar das eines wahrscheinlich sehr großen Tieres. Schlagartig blieben die beiden stehen. „Was war das?“ James klang nun nicht mehr so großspurig und Reeds Stimme zitterte regelrecht. „Woher soll ich das wissen, warum muss immer ich die Fragen beantworten? Es klang auf jeden Fall groß. Und nahe.“
Mit angehaltenem Atem pressten sie sich nun an einen Baumstamm, regungslos, wartend.
Das Geräusch blieb aus, nur das gewöhnliche Knacken und Knirschen eines nächtlichen Waldes war zu vernehmen. „Ist es weg?“, flüsterte James und Reed zuckte beinahe unmerklich die Schultern. „Vielleicht sollten wir einfach ganz langsam aus dem Wald schleichen? Es trennen uns höchstens fünf bis zehn Meter vom freien Feld!“, schlug er genauso leise vor und sah das knappe Nicken seines Freundes.

Vorsichtig und auf Zehenspitzen bewegten sie sich auf den Waldrand zu, immer sorgsam auf eventuelle Geräusche achtend. Obwohl der Mond immer noch so hell schien, dass es nicht einmal zwischen den Bäumen wirklich dunkel war, konnten sie kein Tier erkennen, was groß genug gewesen sein könnte, dieses mächtige Schnauben verursacht zu haben.

Sie hatten es schon fast geschafft und die unbewaldete Wiese leuchtete im Mondschein fast surreal hell, doch plötzlich schob sich etwas zwischen die beiden Jungen und ihren Fluchtweg. Es war nicht fassbar, durchscheinend und hatte keine Form, oder vielleicht war die Form einfach zu groß, um sie mit einem Blick zu erfassen? Ein Schatten, ein unglaublich riesiger Schatten schob sich direkt an der Grenze zwischen Wald und Feld vorbei und tauchte das Sichtfeld der Jungen kurz in eine Art dunklen Nebel. Wieder erklang das schnaubende Geräusch, wie das Atmen eines riesigen Tieres, und dann war es auch schon wieder vorbei.

James keuchte. „Verdammt. Das war gar nicht gut. Wir müssen hier raus!“ Er stürmte davon und Reed musste sich bemühen, mit ihm Schritt zu halten, doch weit kamen sie sowieso nicht. Der Schatten war schon wieder, doch diesmal huschte er nicht an ihnen vorbei sondern schien wie eisiger dunkler Neben durch sie hindurchzufließen, ohne feste Gestalt, aber dennoch mit einem Schwung, der sie zu Boden fallen ließ. Und war da nicht das Geräusch dröhnender Schritte, irgendwo, von hinten, von vorne, von der Seite?

Alle Logik in ihren Gedanken war nun von der puren Panik hinweggefegt worden, und so rannten sie, allerdings nicht aus dem Wald, sondern tiefer in diesen hinein. Vielleicht war das einer dieser Urinstinkte des Menschen, wie Reed unwillkürlich überlegte, der diese dazu brachte, bei akuter Gefahr eher nach einem raschen Versteck als einem Fluchtweg zu suchen.

Sie rannten – oder eher stolperten – bis sie außer Atem waren und blieben dann in diesem Labyrinth aus Baumstämmen stehen, um Luft ringend und die Arme in die Seite gestützt. „Lange kann ich so nicht weiter rennen, glaubst du, es verfolgt uns?“, stieß James, von Atempausen unterbrochen, hervor. Reed lauschte. „Es scheint still zu sein, aber vorhin ist es ja auch unvermutet aufgetaucht. Die Frage ist nur, was um alles in der Welt war das? Es ist durch uns hindurch gegangen, hast du das gespürt? Es war kalt und gruselig und-“ Ihm fielen keine Worte mehr ein.
„War doch eine ziemlich unkluge Idee, in den Wald zu gehen…“, gab James zu und Reed nickte. Daran aber konnten sie jetzt auch nichts mehr ändern. Sie standen irgendwo mitten im Wald und obwohl gerade keine beunruhigenden Geräusche ertönten, war ihnen beiden auf eine komische Weise bewusst, dass das, was auch immer sie gesehen hatten, bestimmt nicht verschwunden war.

„Wo sind wir eigentlich?“ James drehte sich ein mal im Kreis. „Ich glaube, hier war ich noch nie…warte mal, was ist das da vorne?“ Im hellen Mondlicht konnten sie erkennen, dass sich eine Art Schlucht auftat. Kreidefelsen ragten in den Himmel hinauf. „Ich glaube kaum, dass es dort aus dem Wald heraus geht, also sollten wir vielleicht nicht…oder eben doch.“ Reed seufzte resigniert und folgte seinem Freund, der den neu entdeckten Ort natürlich sofort von Nahem betrachten musste.

Als sie in der Schlucht angekommen waren, erkannten sie, dass es wohl eher ein Steinbruch war, künstlich angelegt. An den Seiten stapelten sich Felsbrocken, die ganze Gegen wirkte irgendwiegeplündert, so, als sei da vorher etwas gewesen, was dann genommen worden war. Da das Licht auf den bleichen Sandstein traf, war es hier fast taghell, doch das unheimliche Gefühl verschwand für keine Sekunde. Eher spürte es sich so an, als seien sie mitten ins Zentrum der unheimlichen Aktivitäten gelangt.

„Ich glaube, wir sollten von hier verschwinden.“ Nun war es James, der zuerst wieder weg wollte. „Ich meine, im Wald war es ja schon beängstigend genug, aber ich habe das Gefühl, als seien wir hier in viel größerer Gefahr!“ Doch Reed reagierte nicht, sondern sah sich mit merklicher Faszination um. Im Augenblick der Erkenntnis hob er den rechten Zeigefinger. „Ich weiß, was das hier ist!“
Jetzt schaffte James es sogar wieder, zu lächeln, sein Weltbild war wieder hergestellt. „Dann sag mal! Und stell dir vor, ich würde mich noch mehr freuen, wenn du auch noch wüsstest, wie wir ungefährdet wieder nach Hause gelangen.“
„Das kann ich dir leider nicht sagen.“ Reed verzog das Gesicht. „Aber dennoch glaube ich zu wissen, mit was wir es zu tun haben!“ Er kniete sich hin und betrachtete den Boden, in dem eindeutig von Menschen gegraben und gescharrt worden war. „Erinnerst du dich an diesen Gideon Mantell? Diesen Arzt aus der Gegend, der die ganzen Fossilien gefunden hat, Knochen, Zähne und so, keiner wusste, von was für einem Tier. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das hier der Steinbruch war, in dem er die meisten Entdeckungen machte…“ „Aha… Und hat man je herausgefunden, um was für ein Tier es sich denn handelte?“ „Bis jetzt noch nicht – er selbst vermutet, dass er die Zähne einer riesigen fleischfressenden Echse gefunden hat, doch viele nehmen diesen Gedanken nicht ernst. Einer von diesen Sauriern, die man jetzt überall in England zu finden glaubt. Klingt ja ziemlich absurd, wenn du mich fragst…“ „Ja, absurd. Aber eine Frage: Wie groß genau sollen diese Fleischfresser sein?“ Er blickte langsam nach oben, als würde sich direkt vor ihm eine dieser monströsen Gestalten auftun und Reed verstand sofort: „Du meinst, der riesige Schatten, das tierische Geräusch… Oh, verflucht.“ Sein Atem wurde wieder hektischer und sein Blick huschte panisch nach allen Seiten. „Aber es würde verdammt gut passen! Die Gerüchte über das Ungeheuer im Wald fingen doch vor ungefähr vier Jahren an, oder?“ – „Was weiß denn ich, Mann, da waren wir dreizehn! Kann aber sein.“ – „Genau. Und das war auch die Zeit, in der Mantell mit den Ausgrabungen begann…“

Von irgendwo ertönte ein dumpfes Grollen, es schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen. James zuckte zusammen. „Na, das sind ja schöne Neuigkeiten! Und warum wurde dieser Mantell dann nicht gefressen oder so, wenn er sie doch ausgebuddelt hat?“ Er bemühte sich hörbar, lässig zu klingen, doch seine Stimme war so gebrochen, dass es den Versuch eigentlich nicht wert war. Nicht, dass Reed das aufgefallen wäre, der war nämlich zu sehr damit beschäftigt, nicht ohnmächtig zu werden. „Ich hab keine Ahnung, James.“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und klaubte einen faustgroßen Sandsteinbrocken vom Boden auf, wie um ihn gegen die riesenhafte, schwarze Gestalt zu werfen, die nun am Eingang der Schlucht auftauchte.

Wie ein aufrechter Schatten von der Größe eines Hauses ragte das Wesen vor ihnen auf und diesmal konnten sie einen so guten Blick darauf werfen – ob sie das wollten, ist eine andere Frage – dass sogar mehr oder weniger Konturen in dem schwarznebligen Etwas zu erkennen waren. Weit über ihren Köpfen reckten sich Phantomklauen in ihre Richtung und dort, wo bei einem lebendigen Wesen Augen gewesen wären, glomm etwas Weißes auf.

James Beine zitterten und mit dem Rücken an der Felswand rutschte er langsam nach unten. „Tja, ich schätze, wir schaffen es zum Abendessen sicherlich nicht mehr nach Hause. Tut mir leid.“, murmelte er, dann schloss er die Augen und versank in einer Art Umarmung mit sich selbst. Auch Reed war zu Boden gegangen und kauerte neben ihm. „Verdammte Dinosaurier!“, fluchte er, „Verdammte Dinosaurier.“

Kreise malen

Ein Mädchen ist ständig überwältigt von Angst ohne Grund und verzweifelt daran, ihre Furcht niemandem anvertrauen zu können.
Wortanzahl: 1.098

Die Ärmel so weit über die Hände gezogen, dass nur noch die nachlässig schwarz lackierten Fingernägel hervorschauten und dass die Wärme des Tees in ihrer Thermoskanne nur ein sanftes sensorisches Ereignis auf den von Stoff bedeckten Handflächen hervorrief, saß sie auf der Fensterbank und schaute hinaus. Mit einem seltsamen Gefühl der Entfremdung blickte sie auf die bunten Menschen, die über den grauen Schulhof eilten und dass sich der Klassenraum um sie herum nun allmählich auch mit Angehörigen jener Rasse zu füllen begann, nahm sie dank der Musik, mit der sie sich auftankte, fast gar nicht wahr.
Glücklicherweise. Denn in dem täglich wiederkehrenden Augenblick, in dem sie gezwungen war, die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen und sich von der Welle an menschlichen Geräuschen, Gesten und Gesichtsausdrücken überfluten zu lassen, begann das kleine Sterben in ihr.

Als ihr auffiel, dass auch ihre Sitznachbarin und Freundin Svantje angekommen war, schwang sie sich widerwillig von der Fensterbank und huschte quer durch den Klassensaal zu ihrem Platz ganz hinten in der Ecke. Sie nahm Platz und nickte ihrer Freundin zu, das nächste was sie tat, war das, was sie zu Beginn jeder Unterrichtsstunde als erstes tat: Sie zog ihren Collegeblock sowie einen schwarzen Fineliner aus ihrer Umhängetasche. Wann genau es begonnen hatte, wusste sie gar nicht mehr genau, doch irgendwann hatte die Nervosität in ihr auf eine stete Beschäftigung ihrer Hände beharrt. Seitdem füllte sie den ganzen Schultag hindurch Seite um Seite ihres Blockes mit Kringeln und Kreisen, Schneckenhäusern und Schnörkeln, nie jedoch mit Mitschriften zum Unterricht. Irgendetwas in ihr blockierte die Aufnahme von Wissen durch einen ständigen Überschuss an Angst, doch das wagte sie weder auszusprechen, noch in ihr Bewusstsein zu lassen. Stattdessen malte sie Kreise.

Wie so oft spürte sie, obwohl sie vorgab, gespannt nach vorne zum Lehrer zu gucken, die besorgten Blicke Svantjes, die auf ihr ruhten. Seit Tagen schon schaute ihre Freundin sie so an, und sie wünschte sich so sehr, dass sie einfach etwas sagen könnte, dass sie den Mund öffnen könnte und verkünden: „Du, hilf mir, bitte. Ich hab’ solche Angst.“
Stattdessen schwieg sie.
(Abgesehen von allem anderen hatte sie auch das Sprechen verlernt.)

Wie jede Schulpause saß sie mit Svantje und ein paar anderen Mädchen an einem der Tische im Foyer und wie jede Schulpause beteiligte sie sich nicht an den Unterhaltungen, bemühte sich aber, an den richtigen Stellen zu lächeln oder wissend zu nicken.
Was, wenn sie darin versagen würde? Wenn sie etwas falsch machen würde? Nicht gespannt genug blickte, nicht verständnisvoll genug wirkte? Es gab so unendlich viele Möglichkeiten, etwas Falsches zu tun und sie wünschte, sie hätte ihren Block mit hinunter genommen und könnte jetzt Kringel zeichnen.

Der Schultag verging wie jeder andere, viel zu langsam und doch so schnell, dass alles irgendwie an ihr vorbeirauschte. „Ich geh’ noch schnell mal auf’s Klo!“, murmelte sie Svantje zu und dies war vielleicht sogar der längste Satz, den sie an diesem Tag gesagt hatte. Hastig schlängelte sie sich durch die Reihen der aus ihren Sälen strömenden Schüler um sich schließlich in einer rettenden Toilettenkabine einschließen zu können. Die Beine angezogen saß sie so für eine Weile auf dem Klodeckel, ihre Finger malten abwesend runde Formen an die dreckigen Kunststoffwände.
Erst als der Lärm der in die Freiheit Eintlassenen langsam abklang, konnte sie wieder ein Bisschen durchatmen. Sie schob den Ärmel ein wenig hoch und blickte auf ihre Armbanduhr. Den ersten Bus hatte sie verpasst, sehr gut – im nächsten würden deutlich weniger Menschen sein.

Als sie über den nun recht leeren Schulhof ging, durchfuhr sie plötzlich ein heißer Schreck. Sie hatte ihren Thermosbecher im Klassensaal vergessen! Längst schon wunderte sie sich nicht mehr, dass solche Kleinigkeiten ihr unermessliches Herzrasen bereiteten, sondern ließ einfach die Gedankenflut zu, die nun auf sie hereinprasselte: „Wenn ich jetzt hochrenne / ist der Lehrer vielleicht noch da /aber ich will ihm nicht alleine begegnen / ich wirke doch bestimmt / blöd / nervig / ich weiß nicht / den Bus will ich auch nicht verpassen / aber mein Becher / woran halte ich mich denn jetzt fest / verdammt / oh Gott / was tu ich“
Unkoordiniert stürzten die Satzfetzen über ihr zusammen und für ein paar Minuten konnte sie nur wie erstarrt stehen bleiben und sich auf das Atmen konzentrieren. Als das wieder funktionierte, lief sie langsam zur Bushaltestelle. Nur nicht umkehren, nie zurückgehen, nach Hause und einschließen.

In den sicheren vier Wänden angekommen musste sie gleich schon wieder erschrecken – das Telefon klingelte. Die Nummernanzeige verriet ihr zwar, dass es Svantje war, doch wann hatte sie mit ihr zuletzt telefoniert. Zögernd hob sie den Hörer ab und meldete sich mit einem fragenden „Hallo?“ Während sie auf das Schweigen lauschte, das sie irgendwie nervös machte, begab sie sich in ihr Zimmer und legte sich auf ihr Bett.
„Ich wollte…dich etwas fragen.“ Svantje klang so verunsichert, wie man sie nur selten hörte.
„Dann…frag doch?“ Sie bemühte sich, selbstsicher zu klingen, doch vermutlich wirkte sie nur forsch und ihr Herz schlug so laut, sie konnte fast nicht atmen.
„Du bist so komisch in letzter Zeit. Du redest fast gar nicht mehr, du schaust mich ja nicht mal mehr direkt an, und dauernd kritzelst du auf deinem Block herum! Also, das ist natürlich nicht schlimm, aber der Rest. Jedenfalls ist es seltsam. Was ist denn mit dir los, kannst du mir das sagen?“
Konnte sie? Konnte sie sich es überhaupt selbst erklären? Sie war plötzlich so aufgeregt, dass ihr eigentlich schon übel war, und als sie sprach, klangen ihre Worte seltsam gepresst: „Ich weiß nicht so ganz. Ich glaube, ich habe Angst.“
Svantje am anderen Ende der Leitung seufzte hörbar. Es klang genervt, oder? Es musste doch genervt klingen! „Angst? Vor was denn?“
„Vor allem, glaube ich. Der Welt und den Menschen.“
Sie kniff die Augen zusammen und wünschte sich, sie hätte es nicht ausgesprochen, denn dadurch wurde es so real. So etwas sagte man doch nicht.
„Ich…verstehe nicht. Du warst doch früher nicht so!“
Ohne ein weiteres Wort (leergeredet) lies sie den Hörer aus ihrer Hand fallen.
Ja, früher war sie nicht so gewesen, aber jetzt schon.
Jetzt war sie zitternde Hände, ein viel zu schneller Herzschlag und Worte, die ihr Innerstes nie verlassen würden.
Jetzt war sie jemand, der die ehemals beste Freundin vor den Kopf gestoßen hatte, aber was änderte das überhaupt? Nichts. Da war nichts zu ändern. In ihr war sowieso schon alles Angst
Angst
Angst
und was sollte da noch schlimmer kommen?

Es kümmerte sie nicht mehr, und als Svantje dabei war, andere (sprechende) Freunde anzurufen, und im verhuschten Flüsterton davon zu erzählen begann, wie komisch sie doch geworden war, malten ihre Augen längst Kreise an ihre Zimmerdecke.